Tagung „Feuer – Wasser – Sturm…
275 Jahre Sicherheit im Wandel“

Eine Tagung der Arbeitsgemeinschaft der Landschaften und Landschaftsverbände in Niedersachsen (ALLviN) anlässlich des 275-jährigen Jubiläums der Landschaftlichen Brandkasse/VGH

Dr. Leo Götz v. Olenhusen, Vorsitzender der Aufsichtsräte der VGH Versicherungen, begrüßte rund 120 Gäste der wissenschaftlichen Tagung zur Geschichte der Landschaftlichen Brandkasse VGH und dankte der Arbeitsgemeinschaft der Landschaften und Landschaftsverbände in Niedersachsen (ALLviN) für die Ausrichtung der Veranstaltung anlässlich des 275-jährigen Jubiläums der Landschaftlichen Brandkasse/VGH.

(Foto: Michael Löwa)

Dr. Heiko Blume, Präsident der Arbeitsgemeinschaft der Landschaften und Landschaftsverbände in Niedersachsen (ALLviN), betonte in seinem Grußwort die historische wie gegenwärtige Einzigartigkeit der Historischen Landschaften als Träger der Landschaftlichen Brandkasse, die eng mit den Landschaftsverbänden verbunden sind. Der VGH dankte er für die generöse Unterstützung der Landschaftsverbände und für die Gastfreundschaft.

(Foto: Michael Löwa)

PD Dr. Lu Seegers, Geschäftsführerin der Schaumburger Landschaft, verwies in ihrer Einführung auf den engen Zusammenhang von Gesellschaft und Individuum und Versicherung, die durch Vorsorge, Prävention und Absicherung stets auf die Zukunft des Einzelnen wie von Kollektiven gerichtet sei. Die VGH sei als öffentlicher Versicherer und traditionsreiches Unternehmen stets seiner Geschichte als auch dem Gemeinwohl verpflichtet gewesen. Vor diesem Hintergrund erläutert PD Dr. Seegers die vielfältigen Forschungspotentiale, die sich aus dem engen Nexus zwischen der regional verankerten VGH und den Menschen in Niedersachsen ergeben.

(Foto: Michael Löwa)

Prof. Dr. Eckart Conze, Inhaber des Lehrstuhls für Neuere und Neuste Geschichte an der Universität Marburg und Mitbegründer der Historischen Sicherheitsforschung, identifizierte in seiner Keynote „Die Suche nach Sicherheit. Versicherung und Verunsicherung in der Welt der Moderne“ die immer wieder neue Suche nach Sicherheit als wirkmächtigen Orientierungshorizont moderner Gesellschaften. In seinem Vortrag verkoppelte Prof. Dr. Conze Sicherheitsdenken und Sicherheitspolitik mit Vorstellungen der Gestaltbarkeit und Berechenbarkeit von Zukunft und erklärte den Aufstieg des modernen Versicherungswesens aus diesem Denken. Zugleich thematisierte er die Wechselbeziehung von Unsicherheitswahrnehmungen und Sicherheitsversprechen.

(Foto: Michael Löwa)

Dr. Hans-Eckhard Dannenberg, Geschäftsführer des Landschaftsverbands Stade, moderierte die erste Sektion der Tagung mit dem Titel „Eine zündende Idee – Versicherung gegen Feuer und andere Katastrophen“, die einen weiten historischen Bogen von Gottfried Wilhelm Leibniz als Begründer des Versicherungswesens bis zur gegenwärtigen Versicherbarkeit klimabedingter Risiken zog.

(Foto: Michael Löwa)

Prof. Dr. Michael Kempe, Leiter der Leibniz Edition in der Gottfried-Wilhelm-Leibniz-Bibliothek Hannover, behandelte in seinem Vortrag „Leibniz, das Versicherungswesen und politische Arithmetik“ die Frage, welche Bedeutung der Philosoph und Universalgelehrte Gottfried Wilhelm Leibniz für die Entstehung des Versicherungsgedankens hatte. Dies führte er anhand der Vorstellung des Versicherungsprinzips, der Berechnung von Rabatt, Barwert und Zinseszinsverbot aus sowie am Beispiel von Demografie als neuer politischer Kategorie einer modernen „Biopolitik“ aus.

(Foto: Michael Löwa)

Prof. em. Dr. Carl-Hans Hauptmeyer, Historisches Seminar der Leibniz Universität Hannover, zeichnete in seinem Vortrag „Die Vereinigte Landschaftliche Brandkasse. Versicherungs­geschichte im regionalen Kontext. Ein historischer Rückblick“ die Entstehung der Brandkasse der Calenberg-Grubenhagenschen Landschaft und ihre Entwicklung zur Landschaftlichen Brandkasse Hannover im 19. Jahrhundert im Verbund mit den weiteren Historischen Landschaften nach. Dabei ging Prof. Hauptmeyer auf die Vorbedingungen seit dem Späten Mittelalter ebenso ein wie auf Herausforderungen für das Versicherungswesen im Zuge der Industrialisierung ab der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts.

(Foto: Michael Löwa)

Prof. Dr. Nicolai Hannig, Leiter des Fachgebiets Neuere Geschichte und Geschäftsführender Direktor des Instituts für Geschichte an der TU Darmstadt, verfolgte in seinem Vortrag „Grenzrisiken. Naturkatastrophen und Vorsorge seit 1800“ die These, dass Naturkatastrophen seit dem 19. Jahrhundert zunehmend als Grenzrisiken verstanden wurden – also als Risiken, die man im Prinzip für berechenbar hielt, deren tatsächliche Folgen jedoch immer wieder die bestehenden Sicherungssysteme überforderten. Dabei beleuchtete er erste Versuche im 19 Jahrhundert, Versicherungen gegen Überschwemmungen und ähnliche Gefahren zu entwickeln, analysierte den Einfluss großer Rückversicherungsunternehmen und untersuchte vor diesem Hintergrund das Naturgefahrengeschäft der Landschaftlichen Brandkasse Hannover. Insbesondere der Sturm „Quimburga“ am 13. November 1972 bedeutete eine erhebliche Belastung für die Versicherung.

(Foto: Michael Löwa)

Prof. Dr. Jörg Schiller, Inhaber des Lehrstuhls für Versicherungssysteme und Sozialwirtschaft an der Universität Stuttgart-Hohenheim, betonte in seinem Vortrag „Zur gegenwärtigen Versicherbarkeit klimabedingter Risiken“, dass Versicherungen wie die Landschaftliche Brandkasse/VGH seit mehr als 275 Jahren einen zentralen Beitrag zur Absicherung existentieller Risiken wie Feuer, Sturm oder Überschwemmung leisten. Allerdings verändern sich im Zuge des Klimawandels sowohl die Intensität als auch die Häufigkeit naturbedingter Gefahren – mit tiefgreifenden Konsequenzen für die Absicherung der Risiken. Prof. Dr. Schiller behandelte die Frage, inwieweit das bewährte Modell des Risikoausgleichs dementsprechend modifiziert werden müsste. Vor diesem Hintergrund diskutierte der Vortrag mögliche Anpassungsstrategien – von der Stärkung präventiver Maßnahmen über die Rolle der Rückversicherung bis hin zu staatlichen Eingriffen in Form von Pflichtsystemen oder Public-Private-Partnerships.

(Foto: Michael Löwa)

In der von der Fernsehjournalistin Christina von Saß moderierten Podiumsdiskussion erörterten neben Prof. Dr. Eckart Conze und Prof. Dr. Jörg Schiller, der Vizepräsident des Niedersächsischen Landesfeuerwehrverbands, Klaus-Peter Grote, der Vorstandsvorsitzende der VGH Versicherungen, Dr. Ulrich Knemeyer, und der niedersächsische Minister für Verkehr, Wirtschaft und Bauen, Grant Hendrik Tonne gegenwärtige und zukünftige Herausforderungen für Wirtschaft, Gesellschaft und Versicherungswesen – auch und gerade in Anbetracht des Klimawandels. Flexible Anpassungen und Neuformierungen von Absicherungskonstellationen – darin waren sich die Diskutanten einig – seien künftig notwendig in enger Verzahnung von Staat, Versicherungswirtschaft und Gesellschaft.

(Foto: Michael Löwa)
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Dr. Ulrich Knemeyer, Vorstandsvorsitzender der VGH (Mitte)

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Grant Hendrik Tonne, Niedersächsischer Minister für Wirtschaft, Verkehr und Bauen

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Klaus-Peter Grote, Vizepräsident des Landesfeuerwehrverbands Niedersachsen

Die zweite Sektion „Landschaftliche Brandkasse und Provinzial Lebensversicherung im 20. Jahrhundert“ wurde von PD Dr. Lu Seegers moderiert.

Prof. Dr. Christopher Kopper, Historisches Seminar, Universität Bielefeld, erläuterte in seinem Vortrag „Lebensversicherung – Absicherung des Lebens?! Die Gründung und Entwicklung der Provinzial Lebensversicherung Hannover und neuer Versicherungssparten der Landschaftlichen Brandkasse Hannover nach dem Ersten Weltkrieg“ die Auswirkungen der (Hyper-)Inflation auf die Feuer- und Lebensversicherung im ländlichen Niedersachsen. Dabei zeichnete er ent­sprechende Anpassungsprozesse und Innovationsschübe nach wie etwa die Einführung der Neuwertversicherung und der Hagelversicherung bei der Landschaftlichen Brandkasse.

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PD Dr. Roman Köster, Historisches Seminar, Universität der Bundeswehr München, gab in seinem Vortrag „Die Landschaftliche Brandkasse und Provinzial Lebensversicherung im Nationalsozialismus“ einen Überblick über die Entwicklung der Versicherungswirtschaft im „Dritten Reich“ und den aktuellen Forschungsstand. Anschließend erörterte er anhand der Landschaftlichen Brandkasse und der Provinzial Lebensversicherung, wie sich die nationalsozialistische Herrschaft auf die Arbeit und Geschäftsentwicklung öffentlicher Versicherungen auswirkte. Dabei beschrieb er die Personalpolitik und die persönliche „Verstrickung“ maßgeblicher Akteure, die sich in den beiden Unternehmen unterschied. Zudem erörterte er die Handlungsspielräume von Versicherungen an Beispielen wie der finanziellen Anforderungen durch den Vierjahresplan und der Behandlung jüdischer Versicherungsnehmer.

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Prof. Dr. Martin Lengwiler, Professor für Allgemeine Neuere Geschichte an der Universität Basel, behandelte in seinem Vortrag „Die Versicherungsgruppe Hannover: Entstehung und Entwicklung eines Unternehmensnetzwerks ab 1957 im nationalen und globalen Kontext“ die Geschichte der Versicherungsgruppe Hannover seit dem Zusammenschluss zwischen Landschaftlicher Brandkasse und Provinzial Lebensversicherung. Dabei analysierte er die Etappen der Unternehmensgeschichte – von der internen Konsolidierung und dem Wachstum in den 1950er und 1960er Jahren, über den Ausbau von Kooperationen in den 1970er und 1980er Jahren u.a. im Sparkassensektor und mit der Öffentlichen Versicherung Bremen. Das Wachstum durch Neugründungen und Beteiligungen seit den 1990er Jahren stellte Prof. Dr. Lengwiler u.a. anhand der Gründung der Öffentlichen Versicherungen Sachsen-Anhalt vor. Die Geschichte des Unternehmensnetzwerks bettete er dabei in übergeordnete Entwicklungen wie die Deregulierung des Versicherungsmarktes seit den 1990er Jahren ein.

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Die dritte und letzte Sektion der Tagung „Für alle Fälle – Absicherung im Lebenszyklus“ wurde von Dr. Hans-Eckhard Dannenberg moderiert.

Prof. Dr. Christopher Neumaier, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Zentrum für Zeithistorische Forschungen, Potsdam (ZZF), konstatierte in seinem Vortrag „Familien im Fokus von Versicherungen. Absicherung sozialer und finanzieller Risiken im 20. Jahrhundert“, dass der umfassende Schutz für Familien durch ein Bündel von Versicherungspaketen in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts ein wichtiges Geschäftsfeld der VGH war. Am Beispiel der Ausbildungs-, Aussteuer-, Lebens- und Unfallversicherung zeigte Prof. Neumaier, auf welche Weise die Landschaftliche Brandkasse und die Provinzial Lebensversicherung Familien als Versicherungsnehmer adressierten. Das Leitbild der bürgerlichen Kleinfamilie, basierend auf einem männlichen Ernährer-Modell, blieb dabei bis in die 1980er Jahre dominierend. Seit den 1990er Jahren wurden Frauen nicht mehr nur als Mütter und Kundinnen, sondern verstärkt auch als Fachkräfte angesehen, die gezielt gefördert wurden.

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PD Dr. Winfried Süß analysierte in seinem Vortrag „Richtig richtig alt werden. Der Boom der privaten Altersvorsorge seit den 1990er Jahren“ den grundlegenden Wandel der deutschen Alterssicherung seit den 1990er Jahren. Mit dem Altersvermögensgesetz (2001), dem Rentenversicherungs-Nachhaltigkeitsgesetz (2004) und der schrittweisen Anhebung der Regelaltersgrenze (2007) vollzog die rot-grüne Bundesregierung einen historischen Paradigmenwechsel – weg von der staatlichen Lebensstandard-Sicherung, hin zur mehr Eigenverantwortung des Individuums. Vor diesem Hintergrund beleuchtete PD Dr. Winfried Süß die Riesterrente als Geschäftsfeld der VGH.

(Foto: Michael Löwa)
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Dr. Ulrich Knemeyer dankt den Teilnehmenden der Tagung.