Die Schaumburger Landschaft

Schaumburger Landschaft zwischen Tradition und Moderne

Gegründet wurde die Schaumburger Landschaft 1992 in der Landfrauenschule in Bückeburg, einer alten Fachwerk-Hofanlage, in der Generationen von Landfrauen ausgebildet wurden. Die Landfrauenschule steht für die Geschichte des Schaumburger Landes, für die Tradition. Das zehnjährige Jubiläum wurde  in der "Alten Polizei" gefeiert. Das Kultur- und Kommunikationszentrum "Alte Polizei" steht für neue Entwicklungen in Schaumburg, für die Moderne. Zwischen diesen beiden Polen, zwischen Tradition und Moderne, hat sich die Arbeit der Schaumburger Landschaft in den vergangenen 20 Jahren bewegt.
Tradition und Moderne sind in der Arbeit der Schaumburger Landschaft keine Gegensätze, sondern Kennzeichen für die Bandbreite der Themen. Daß so viele und so verschiedene Themen bearbeitet werden konnten, lag an der Bereitschaft von Menschen mit ganz unterschiedlichem Hintergrund, sich aufeinander einzulassen.

 

Die Bereitschaft, sich einzubringen.

Bei der Gründung 1992 sah es zunächst so aus, als ob die vorrangige Aufgabe der Landschaft die Förderung von Geschichtsforschung, Brauchtums- und Heimatpflege sei. Es zeigte sich jedoch schnell, daß unter dem Dach der Landschaft auch Förderung von Neuem und Ungewohntem möglich ist. Das lag nicht in erster Linie am Weitblick und der Offenheit der Verantwortlichen, sondern vor allem an der Bereitschaft von Menschen, die bis dahin häufig abseits der etablierten Kulturszene standen, sich einzubringen.
In Projekten wie "Die Muse küßt das Dampfroß", einer Erlebnisreise auf einer Dampfeisenbahn, die gemeinsam mit der "Alten Polizei" veranstaltet wurde, waren zeitgenössische Künstler genauso beteiligt wie die Trachtengruppen. Hier trafen Menschen aufeinander, die sich bis dahin nicht kannten, die vom Kulturschaffen der Anderen nicht viel wussten und sich zunächst schwer taten, Vorbehalte zu überwinden. Aber einige der damals entstandenen Beziehungen haben bis heute gehalten und befruchten das kulturelle Leben.

Ein weiteres Beispiel für das Zusammenspiel von Tradition und Moderne ist das aktuelle Projekt eines landeskundlichen Buches, geschrieben für Jugendliche, das in Kürze in 3. Auflage erscheinen wird. Hier geht es nicht nur um Geschichte, Kunst und Kultur Schaumburgs, sondern auch um Geographie, Geologie, die Wirtschaft von heute und Anregungen für die Zukunft einer kleinen niedersächsischen Region.
Im Musikbereich werden nicht nur Zuschüsse für klassische Konzerte gegeben, sondern auch ein Sinfonieorchester der Schaumburger Landschaft unterhalten, um über 50 Musikern die Möglichkeit zu geben, gemeinsam zu musizieren. Die eine Seite des Gelingens ist Organisation und die Bereitstellung von Mitteln z.B. zur Finanzierung eines geeigneten Dirigenten, die andere Seite ist der unermüdliche Einsatz ehrenamtlicher Musiker, die das Orchester zusammenhalten.
Ungewohnt war die Förderung des Pop- und Rockwettbewerbes "Made in Schaumburg". Die Pop- und Rockkultur ist immer noch nicht in das bestehende Geflecht der Kultureinrichtungen integriert. Damit werden die Bedürfnisse einer ganzen Generation ignoriert, deren musikalische Sozialisation fast ausschließlich über die Popkultur erfolgt ist. Die Bereitschaft zu offener Diskussion in der AG Musik hat am Ende auch diese Förderung ermöglicht.

Und noch ein Beispiel für eine neue Herangehensweise bei einem Projekt ist die außergewöhnliche Durchführung des jährlich stattfindenden Tages des offenen Denkmals mit Tausenden von Besuchern. Die Konzentration dieser Veranstaltung auf einen Ort, verbunden mit einem Begleitprogramm, das die Denkmale mit allen Sinnen erlebbar werden lässt, macht den Erfolg aus. Die Idee und gute Organisation reichen aber nicht aus. Gelingen kann dieser Tag nur, wenn viele Denkmalseigentümer, ihr Denkmal - ihren Privatbereich - öffnen und Musiker, Kleinkünstler, Handwerker, Baufachleute und weitere Akteure sich zum Mitmachen bereit erklären.

 

Ehrenamtliches Engagement

Vielleicht klingt das banal. Man könnte meinen, Tradition und Moderne gehören selbstverständlich in der Kulturarbeit zusammen. Doch leider funktioniert das in der Praxis häufig nicht. Wo gelingt es schon, Menschen, die bisher konkurriert haben, auf einen gemeinsamen Weg zu bringen? Voraussetzung dafür ist der gegenseitige Respekt und das Zusammengehörigkeitsgefühl der Schaumburger.
Die vielen Ehrenamtlichen in der Schaumburger Landschaft verkörpern eine erstaunliche Bandbreite kultureller, sozialer und religiöser Erfahrungen.

 

Querschnittsorientierung

Neben der Bereitschaft, Viele zum Mitmachen zu bewegen, ist es wichtig, mit der finanziellen Förderung alle Kulturbereiche, alle Generationen und viele soziale Gruppen zu berücksichtigen, d.h. auf allen Ebenen sich am Querschnitt zu orientieren. Manche meinen, hier werden Fördermittel nach dem Gießkannenprinzip ausgeschüttet. Doch es geht nicht darum, alle Antragsteller ein wenig mit Geld zu berieseln, sondern um Schwerpunktbildung in den verschiedenen Kultur-Bereichen - um eine Querschnittsorientierung, die nicht die Mittelmäßigkeit, sondern Weiterentwicklung und Qualität entsprechend der jeweiligen Ebene fördert. Kleinkunst, Amateurtheater, Trachten gehören genauso dazu wie Publikationen oder eine avantgardistische Kammeroper.

 

Es geht um den Einklang von Altem und Neuem

Tradition und Moderne sind nicht zwei Positionen, die man gegeneinander ausspielen sollte. Beides gehört zusammen. Das altgriechische Wort für Europa heißt - einfach übersetzt - "weithin blickend". Schon ein mittelalterlicher Scholastiker prägte den Satz: "Wir sind Zwerge, die auf Riesen stehen, deshalb sehen wir weiter als sie." Er meinte damit: Ohne Geschichte, ohne die Zeugnisse unserer Kultur, ohne das Wissen um die Verwurzelung der Kultur in der Geschichte, können wir über unsere Zukunft nicht nachdenken.
Es geht um das Empfinden, die Vergangenheit, die Geschichte kritisch, aber mit Respekt zu würdigen - zu befragen, um die Gegenwart zu verstehen und gestalten zu können. Dann kann sich regionale Kultur weiterentwickeln.
Man könnte meinen, daß eine Institution, wie die Schaumburger Landschaft, deren Aufgabe - kurzgefaßt - die Förderung regionaler Kultur ist, in diesem Jahrtausend überflüssig wird. Wer wird sich in Zukunft für regionale Kultur, die mit der Geschichte eines eng begrenzten Gebietes befaßt ist, noch interessieren?
Wenn es gelingt, heimatliche Strukturen und regionale Kulturelemente weiter zu entwickeln, dann wird regionale Kultur eine wichtige Basis für globale Herausforderungen sein. Niemand weiß heute, wie weit die Globalisierung gehen wird und was sie letztlich für uns bedeutet. Das hängt von den Menschen und ihrem gestalterischen Willen ab. Erkennbar ist jedoch, daß die Tendenzen zu weltweiter Vernetzung und Angleichung, nach emotionaler Geborgenheit in der Region, in der Heimat, die man kennt, verlangen. Schon jetzt ist in ganz Europa ein verstärkter Trend zur Regionalisierung zu beobachten.
Allerdings ist das, was man als regionale Identität bezeichnen könnte, ständig im Fluß. Identität macht sich an der Verwurzelung in der Region fest. Doch auch Wurzeln wachsen und verändern sich. Was z. B. heute als Ur-Schaumburger Kulturgut angesehen wird - nämlich die Schaumburger Tracht - ist auch einmal durch Einflüsse von außen, verbunden mit eigenem Gestaltungswillen, entstanden.

So wird das, was man als typisch mit der Region verbindet, sich immer wieder ändern. Schon heute gehören Traditionen und Eigenheiten, z. B. schlesischer Heimatvertriebener oder italienischer Einwanderer in Obernkirchen, mit zur Schaumburger regionalen Kultur. Unter dem Dach der Schaumburger Landschaft gibt es die Möglichkeit, gegenseitige Akzeptanz einzuüben und kulturelles Anderssein als Bereicherung erfahren zu können.